Harninkontinenz

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Harninkontinenz

Harninkontinenz - Ursachen und Therapiemöglichkeiten

Der Begriff Harninkontinenz (auch: Blasenschwäche, Blaseninkontinenz) bezeichnet den ungewollten Harnabgang zwischen den Toilettengängen. Normalerweise sammelt sich der Harn in der Harnblase und entweicht kontrolliert beim Toilettengang. Die Fähigkeit Harnausscheidungen kontrollieren zu können, nennt man Kontinenz. Sie entwickelt sich im Kleinkindalter – Babys haben diese Kontrolle noch nicht.

Harninkontinenz kann in jedem Lebensalter auftreten, jedoch sind ältere Menschen häufiger von Harninkontinenz betroffen (Frauen ca. doppelt so häufig wie gleichaltrige Männer). In Österreich leiden rund 1 Million Menschen an unterschiedlichen Formen der Harninkontinenz. Die meisten Betroffenen sprechen nicht offen über ihre Harninkontinenz, obwohl sich Harninkontinenz in den meisten Fällen sehr gut behandeln lässt. Auch wenn in Einzelfällen die Beeinträchtigung durch die Harninkontinenz nicht komplett behoben werden kann, so kann eine geeignete Therapie die Harninkontinenz dennoch erheblich mildern.

Was sind die Ursachen von Harninkontinenz?

Die Blasenfunktion ist sehr komplex: Das Nervensystem, die Muskulatur an Blasenwand, Blasenhals und entlang der Harnröhre, die Harnröhre selbst, sowie Muskeln, Nerven und Bindegewebe des Beckenbodens sind daran beteiligt. Ist dieses Zusammenspiel gestört, kann Harninkontinenz die Folge sein. Die zugrundeliegende Blasenfunktionsstörung kann sich entweder in Form einer Speicherstörung oder einer Entleerungsstörung äußern. Die Ursachen dafür sind vielfältig

  • Schwäche der an der Blasenfunktion beteiligten Muskeln
  • Schäden oder Erkrankungen des Nervensystems
  • Bindegewebsschwäche
  • mechanische und funktionelle Abflussbehinderungen unterhalb der Blase
  • Erkrankungen und Fehlbildungen des Harntrakts
  • hormonelle Umstellung oder Störung, zum Beispiel Östrogenmangel während der Wechseljahre
  • Verletzungen, Schäden durch Operationen oder andere medizinische Eingriffe

Bestimmte Umstände können die Entstehung einer Harninkontinenz begünstigen

  • Alter: Während der Wechseljahre fällt der Östrogenspiegel ab, das Bindegewebe verliert an Spannkraft, die Blase senkt sich ab. Bei Männern kommt es häufig zu einer gutartigen Prostatavergrößerung.
  • Geschlecht: Frauen sind häufiger von Harninkontinenz betroffen. Ihr Bindegewebe ist nachgiebiger und der Beckenboden instabiler und größer. Zusätzlich strapazieren Schwangerschaften und Geburten bei Frauen Muskeln, Bindegewebe und Beckenboden.
  • Übergewicht
  • Trink- und Miktionsverhalten (Miktion = Entleerung der Harnblase): Viele Menschen trinken zu wenig, schieben Toilettengänge hinaus oder gehen vorbeugend, obwohl die Blase noch nicht genug gefüllt ist. Beides kann zur Harninkontinenz beitragen, indem die Blase verlernt, sich ausreichend zu füllen oder vollständig zu entleeren.
  • Psychische Einflüsse: Probleme in der Partnerschaft werden mit Harninkontinenz in Zusammenhang gebracht. Wie genau, ist bisher aber unklar.
  • Körperliche Belastung: Einige Sportarten stärken die Muskulatur des Beckenbodens, andere schaden eher. Dazu gehört z.B. Gewichtheben. Auch anhaltender Husten kann Harninkontinenz fördern.
  • Erkrankungen des Nervensystems: Schlaganfall, Demenz, Parkinson und andere Krankheiten, die das Nervensystem schädigen (Diabetes), sowie wiederkehrende Harnwegsinfektionen erhöhen das Risiko für Harninkontinenz.
  • Medizinische Eingriffe und Medikamente: z.B. die Entfernung der Gebärmutter, Diuretika (harntreibende Mittel) bei Bluthochdruck oder Herzschwäche können Harninkontinenz fördern.
  • Veranlagung: erhöhtes Risiko für Harninkontinenz, wenn Harninkontinenz in der Familie vorkommt
  • Erkrankungen: Prostatakrebs, Blasensteine oder -Tumoren können Harninkontinenz begünstigen

Welche Formen der Harninkontinenz gibt es?

Es gibt verschiedene Formen von Harninkontinenz, die sich in der Symptomatik unterscheiden und in verschiedenen Lebensaltern unterschiedlich häufig auftreten. Die häufigsten Formen der Harninkontinenz sind:

Belastungsinkontinenz

Bei der Belastungsinkontinenz führt eine plötzliche Druckerhöhung im Bauchraum – z.B. beim Lachen, Husten, Niesen oder Heben von Lasten – zu Harninkontinenz.

Überaktive Blase / Dranginkontinenz

Eine überaktive Blase (auch: Reizblase) äußert sich durch mehrfach plötzlich auftretenden, kaum unterdrückbaren Harndrang, am Tag oder in der Nacht, mit oder ohne Urinverlust (nasse oder trockene überaktive Blase). Die möglichen Ursachen für eine Dranginkontinenz sind vielfältig. Belastungs- und Dranginkontinenz können auch gemeinsam auftreten (Mischinkontinenz).

Überlaufinkontinenz

Die Überlaufinkontinenz ist dadurch gekennzeichnet, dass es aus einer übervollen Blase, die nicht entleert werden kann, immer wieder zum nicht kontrollierbaren Harnabgang in kleinen Portionen kommt.

Hilfe und Therapiemöglichkeiten bei Harninkontinenz

Eine Harninkontinenz kann sehr belastend sein. Sie ist nicht nur ein körperliches Problem, sondern belastet auch Seele und Selbstwertgefühl. Urin nicht mehr halten zu können, wird als Kontrollverlust über den eigenen Körper empfunden – was im Erwachsenenalter nur schwer erträglich ist. Menschen mit Harninkontinenz fühlen sich häufig sozial ausgegrenzt und in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt. Rückzug, Isolation und sogar Depressionen sind oft die Folge. Dabei lässt sich Harninkontinenz in den meisten Fällen vollständig beheben.

Wie stellt der Arzt die Diagnose von Harninkontinenz?

Meist lassen sich die verschiedenen Formen der Harninkontinenz durch die sogenannte Basisdiagnostik unterscheiden. Schämen Sie sich nicht, sich mit Ihrem Problem an einen Allgemeinarzt oder Spezialisten zu wenden. Er wird aufgrund seiner Erfahrung routiniert an das Thema herangehen. In weiterer Folge können die entsprechenden therapeutischen Maßnahmen eingeleitet werden.

In einem ausführlichen Arzt-Patienten-Gespräch (Anamnese) wird der Arzt nach den genauen Beschwerden fragen.

Ein "Blasen-Tagebuch" gibt dem Arzt wertvolle Aufschlüsse: Darin soll der Betroffene über zwei Tage lang die zu sich genommene Flüssigkeitsmenge, sowie Uhrzeit und Harnmenge (ml) jeder Blasenentleerung notieren und ob er zu diesem Zeitpunkt bereits nass oder noch trocken war. Zur Basisdiagnostik gehört auch die Untersuchung von Unterbauch, Genitalbereich, Harn (Ausschluss/Nachweis eines Harnwegsinfekts) sowie die Überprüfung auf Vorhandensein von Restharn (ob die Blase vollständig entleert wird). Dies erfolgt heutzutage völlig schmerzfrei durch eine Ultraschalluntersuchung der Blase vor und nach Entleerung.

Je nachdem, welche Ursachen der Arzt für die Harninkontinenz vermutet, kommen weitere Diagnose-Verfahren zur Anwendung, wie z.B.

  • Computertomographie (CT)
  • Blasenspiegelung (Zystoskopie)
  • urologische Untersuchungen, um den Harnfluss, den Blasendruck und bei Frauen den Druck der Gebärmutter zu testen
  • Bestimmung des PSA-(prostataspezifisches Antigen)-Werts bei Männern

Welche Behandlungsmethoden gibt es bei Harninkontinenz?

Die zielgerichtete Behandlung der Harninkontinenz richtet sich nach der vorliegenden Form. Vorab müssen jedoch Maßnahmen zur Beseitigung möglicher anderer Ursachen durchgeführt werden, wie etwa die Behandlung einer Blasenentzündung, eine Hormonersatztherapie bei Hormonmangel oder die Beseitigung einer Abflussbehinderung z.B. durch eine Prostatavergrößerung beim Mann.

Bei einer Belastungsinkontinenz können Beckenbodentraining und Verhaltenstherapie helfen. Die Verhaltenstherapie umfasst kontrolliertes Trinken, regelmäßige Blasenentleerung, Gewichtsabnahme, Stuhlgangregelung und bei Raucherbronchitis das Einstellen des Rauchens. Das Beckenbodentraining ist eine sehr wirksame Maßnahme. Dazu bedarf es der Unterweisung und Kontrolle durch eine/n Physiotherapeuten/in. Beckenbodentraining sollte, wenn richtig erlernt, auch zu Hause und über Jahre hinweg konsequent durchgeführt werden.
Sind diese Therapiemaßnahmen zur Behandlung der Harninkontinenz nicht ausreichend, kann mit Hilfe einer wenig belastenden Operation bei etwa 80 Prozent der so behandelten Patienten ein zufriedenstellendes Ergebnis erreichen.

Die Behandlung bei Dranginkontinenz erfolgt in den meisten Fällen nicht-operativ und besteht aus verschiedenen Formen des Blasentrainings sowie aus Medikamenten, die dem gehäuften, starken Harndrang und damit auch der Dranginkontinenz entgegenwirken (sogenannte Antimuskarinika, auch Muskarinrezeptor-Antagonisten oder Anticholinergika). Zur Behandlung der Harninkontinenz stehen zahlreiche Präparate zur Auswahl. Bei älteren PatientInnen, die oft mehrere Medikamente parallel einnehmen müssen, haben sich Substanzen bewährt, die aufgrund ihrer Molekülstruktur weniger Arzneimittelwechselwirkungen und keine Nebenwirkungen des zentralen Nervensystems hervorrufen.

Bei Patientinnen, die an einer Mischinkontinenz leiden, empfiehlt sich eine Kombinationstherapie aus Therapieansätzen der Drang- und der Belastungsinkontinenz.

Bei Überlaufinkontinenz kann der Urologe durch spezielle Untersuchungen (Urodynamik) die Ursachen für die Unmöglichkeit der Blasenentleerung abklären und die entsprechenden Therapiemaßnahmen gegen die Harninkontinenz einleiten. Die erste Maßnahme ist immer die Entleerung der übervollen Blase, im Allgemeinen mit Hilfe eines Katheters.

 

Was können Sie selbst tun gegen Harninkontinenz?

Körperliche und geistige Fitness wirken der Entstehung einer Harninkontinenz entgegen. Bei den ersten Anzeichen sollten Sie einen Arzt aufsuchen und sich beraten lassen. Vorbeugendes Beckenbodentraining ist ebenfalls sinnvoll. Weitere Tipps um einer Harninkontinenz vorzubeugen

  • Nehmen Sie viel Flüssigkeit zu sich. Achten Sie dabei auf reizstoffarme Getränke wie zum Beispiel Kräutertees oder Säfte.
  • Trinken Sie keine großen Mengen vor dem Schlafengehen. Das erhöht die Gefahr, unwillkürlich in der Nacht einzunässen.
  • Lassen Sie sich beim Toilettengang Zeit und versuchen Sie, die Blase ganz zu leeren. Der Harndrang tritt dann seltener auf und Bakterien können sich weniger gut vermehren.
  • Entspannungsübungen wie Autogenes Training, Atemtherapie oder Massagen können helfen psychische Anspannungen abzubauen.
  • Ein Miktions- oder Blasentraining können hilfreich sein. Nach Rücksprache mit Ihrem Arzt sollten Sie einige Tage ein Blasen-Tagebuch (wie oben beschrieben) führen. Durch eine aktive Verlängerung oder Verkürzung der Intervalle, können Sie eine effizientere Blasenentleerung erreichen.

Auch Lebensmittel können eine zeitweilige Harninkontinenz auslösen, weil sie die Blase stimulieren und harntreibend wirken. Dazu zählen

  • Alkohol
  • Koffein
  • entkoffeinierter Tee oder Kaffee
  • kohlensäurehaltige Getränke
  • künstliche Süßstoffe
  • Zitrusfrüchte und andere Lebensmittel, die viel Säure, Zucker oder Gewürze beinhalten

Hinweis: Dieser Text dient zu Ihrer allgemeinen Information. Bitte stellen Sie keinesfalls selbst eine Diagnose, sondern suchen Sie, wenn Sie Fragen oder Beschwerden haben, einen Arzt auf. Nur er kann die Symptome aufgrund seiner klinischen Erfahrung richtig einschätzen und gegebenenfalls weitere diagnostische Schritte unternehmen.

Quellen

https://www.netdoktor.at/krankheit/harninkontinenz-7859
https://www.netdoktor.at/therapie/harninkontinenz-therapie-6676332
https://www.special-harninkontinenz.de/
http://www.onmeda.de/symptome/blasenschwaeche-weitere-informationen-10063-5.html
http://www.onmeda.de/symptome/blasenschwaeche-therapie-10063-4.html
http://www.onmeda.de/symptome/blasenschwaeche-diagnose-10063-3.html
http://www.onmeda.de/symptome/blasenschwaeche-ursachen-10063-2.html
http://www.onmeda.de/symptome/blasenschwaeche.html
http://flexikon.doccheck.com/de/Harninkontinenz